Selbstverständnis

Wir sind eine queer-feministische, autonome Gruppe aus München, die sich sowohl mit queer-feministischen Anliegen, als auch mit antifaschistischen Themen auseinandersetzt. Dies schließt für uns auch jegliche Unterdrückungsmechanismen jenseits von „Geschlecht“ und Rassismus ein, die alle miteinander zusammenhängen. Dabei teilen wir nicht in Haupt- und Nebenwidersprüche ein, sondern sehen Kritik an jeglichen Formen der Diskriminierung als essentiell an. Des Weiteren erkennen wir Militanz als politisches Mittel als legitim an, möchten aber darauf hinweisen, dass Personen immer frei entscheiden können sollten, ob und inwieweit sie diese praktizieren möchten und dass Militanz nicht automatisch sinnvoll ist. Ihre Ausübung und die Intensität liegt in der Selbstverantwortung jedes*r Einzelnen.

Bei unserem Selbstverständnis handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes Projekt, sondern lediglich um einen Versuch zur groben Darstellung unserer Anliegen, der für Änderungen und Kritik offen ist. Dies gilt auch für unser politisches Handeln, da sowohl theoretische, als auch praktische Verfehlungen jederzeit passieren können und sich jede Gruppe im Laufe ihrer Existenz weiterentwickelt. Wir haben uns für eine Organisierung ohne cis-Männer* entschieden, da wir einen politischen Freiraum für nicht-cis-Männer* schaffen möchten. Damit wollen wir dem strukturellen Problem der männlichen* Dominanz in autonomen Antifa-Kreisen entgegenwirken. Dass es cis-Männern* oft leichter fällt sich in autonomen Gruppen zu behaupten folgt aus dieser männlichen* Hegemonie. Also möchten wir mit diesem Konzept niemandem die Möglichkeit der Organisierung nehmen, sondern neue Möglichkeiten schaffen.

F*antifa
Fantifa-Gruppen haben sich in den 90er Jahren als eine Reaktion auf stark cis-Männer*-dominierte Antifa-Strukturen gebildet. In diesen Gruppen schlossen sich Frauen* zusammen, um dieser Dominanz etwas entgegenzusetzen und sich mit Feminismus, sowie mit Antifaschismus und verschiedenen Unterdrückungsformen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Leider ist diese Form der Organisierung heute nur noch wenig in der linken Szene vertreten. Gerade deswegen sehen wir eine Notwendigkeit darin, an dieses Konzept anknüpfen, da die Thematisierung von Sexismus auch heute zu wenig Beachtung in der Linken findet und sexistische Strukturen dort weiter existieren können, obwohl sich fast alle Gruppen als „antisexistisch“ labeln. Unser Schwerpunkt liegt auf queer-feministischer Politik, dennoch ist pro-feministische Praxis und die Auseinandersetzung mit Sexismus die Aufgabe aller sich einer radikalen Linken zugehörig fühlenden Personen.

Den Fokus auf Queer-Feminismus zu legen bedeutet für uns aber nicht, andere Formen der Unterdrückung und politisch relevante Themen auszuklammern, weshalb wir auch autonome Antifa-Politik als wesentlich erachten und uns damit beschäftigen.
Das bedeutet für uns, dass wir Formen der Diskriminierung und Machtverhältnisse aufdecken und bekämpfen wollen. Da aus emanzipatorischer Sicht die Ideologie der Neonazis eine besonders starke Ausprägung von Unterdrückung und Ausgrenzung darstellt, ist es überaus wichtig, zu jeder Zeit gegen diese und ihre Ausbreitung in der Gesellschaft vorzugehen.
Das Ziel der autonomen Antifa-Politik ist eine befreite Gesellschaft, in der alle Menschen frei von Diskriminierung, Ausgrenzung und Hierarchien leben können.

Queerfeminismus
Das Wort „queer“ kommt aus dem Englischen und wurde ursprünglich als Beleidigung für Menschen verwendet, die nicht ins heteronormative Weltbild passten, das heißt, für Menschen, die von Geschlechter- oder sexuellen Normen abweichen. Dieses Wort wurde allerdings von der Queer-Bewegung positiv neubesetzt (reclaiming) und bezeichnet die Bewegung, sowie Einzelpersonen, deren Anliegen es ist, Heteronormativität zu hinterfragen, zu durchbrechen und abzuschaffen. Feminismus stammt ursprünglich von unterschiedlichen Frauenbewegungen und politischen Gruppen ab, deren Ziel es war, Frauen aus ihrer unterdrückten Position in der Gesellschaft zu befreien. Heute gibt es viele verschiedene feministische Bestrebungen, die darüber hinausgehen und beispielsweise die Abschaffung von Geschlechterkategorien und -rollen an sich anstreben, zu diesen wir uns auch selbst zählen.
Nach unserem Verständnis hat Queerfeminismus einerseits Genderdekonstruktion zum Ziel und andererseits das Patriarchat zu analysieren (auch im Zusammenhang mit anderen Unterdrückungsmechanismen, wie zum Beispiel dem Kapitalismus), zu bekämpfen und abzuschaffen, wobei beide Ziele Hand in Hand gehen. Darüber hinaus sollten alle Menschen vom Zwang der Zuordnung zu einem Geschlecht befreit leben können. Das heißt nicht, dass wir Menschen das Recht absprechen, sich einem Geschlecht zuzuordnen, wenn diese das möchten, das letztendliche Ziel ist jedoch eine Gesellschaft ohne die Kategorie „Geschlecht“.
Da zur Befreiung aus der Heteronormativität auch gehört, so viel, so wenig oder gar keinen Sex zu haben wie man möchte, bzw. sämtliche sexuellen Praktiken auszuüben (wenn diese Handlungen zwischen allen Beteiligten Konsens sind), vertreten wir einen sexpositiven Ansatz. Das bedeutet für uns auch die Akzeptanz von selbstbestimmter Sexarbeit und von Pornographie, die einem queer-feministischen Anspruch gerecht wird. Außerdem sprechen wir uns für einen geschützten und nicht stigmatisierten Zugang zu Abtreibung aus, der es jeder Person ermöglicht selbst über Ihren Körper zu bestimmen ohne jegliche geforderte Rechtfertigung und Repression.

Aus all diesen genannten Gründen möchten wir uns von vermeintlichen Feminist*innen, die ein antiquares Bild der Keuschheit im Bezug auf Sex oder auch Geschlecht vertreten, distanzieren. Das bedeutet auch, dass wir keinen männer*hassenden feministischen Ansatz propagieren und es begrüßen, wenn sich cis-Männer* pro-feministisch engagieren.

Von der Mär der Zweigeschlechtlichkeit
In der Gesellschaft herrscht die Vorstellung von der Binarität der Geschlechter, also davon, dass es zwei sich gegenseitig ausschließende Geschlechter gibt und nichts dazwischen oder außerhalb. Durch diese Norm werden alle Menschen, die dieser Zweigeschlechtlichkeit nicht entsprechen, also beispielsweise Trans- oder Interpersonen, ausgeschlossen und pathologisiert. Der Zwang, sich entweder als Mann* oder Frau* zu fühlen und zu sehen beginnt bei der Geburt, beim simplen Kreuzchen Setzen und hört das ganze Leben lang nicht auf. Eine Möglichkeit sich nicht zu definieren gibt es nicht und Menschen, die das tun, gelten als „krank“ und „abnormal“. Dass die medizinische Unterteilung der Geschlechter gar nicht so einfach läuft, wie es immer scheint, dass Geschlecht überwiegend durch Sozialisation und nicht unbedingt durch körperliche Merkmale entsteht und bestimmt ist, wird meistens ignoriert und nicht erkannt. Das ganze Leben lang wird versucht, Menschen in bestimmte Muster zu zwingen, bestimmte „Schablonen“ über sie zu legen: Die meisten Menschen versuchen aufgrund ihrer ansozialisierten Vorstellungen andere Menschen in eine Kategorie des Geschlechts Mann* oder Frau* einzuordnen – ihnen jeweils die „Schablonen“ der beiden Geschlechter aufzulegen; passen beide nicht, sind die Menschen irritiert und fühlen sich in ihrem Weltbild bedroht, was meistens zu einer Ablehnung der nicht einzuordnenden Person führt. Eine Ablehnung, die äußerst drastische Formen annehmen kann. Doch nicht nur in Sachen Zuordnung zu einem Geschlecht existieren Zwänge, nein, es wird in der Gesellschaft erstmal vorausgesetzt, dass Personen heterosexuell sind, alles andere sind Ausnahmen und Abweichungen von der heterosexuellen Norm. Dies bezeichnet man als Zwangsheterosexualität und führt zu einem Ausschluss von Homo-, Bi-, Pan- und A-Sexuellen, die ebenfalls mindestens als Abweichler*innen gesehen werden bis hin zu ihrer Pathologisierung.

Trotzdem nicht außer Acht zu lassen, sind Errungenschaften, wie z.B., dass die gesamtgesellschaftliche Debatte seit kurzem durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hinsichtlich des „dritten Geschlechts“ vorangetrieben wird. Bis Ende 2018 soll bei der Geschlechtsangabe ein dritte Auswahlmöglichkeit hinzugefügt werden oder der Geschlechtseintrag komplett abgeschafft werden.

In einer befreiten Gesellschaft allerdings gibt es unserer Ansicht nach weder die Norm einer bestimmten Sexualität oder Geschlechtszugehörigkeit, noch einen Zwang zur Einordnung zu einer Geschlechterkategorie oder Sexualität, oder die Kategorien „Geschlecht“ und „Sexualität“ an sich!

“My feminism will be intersectional or it will be bullshit!” (Flavia Dzodan)
In der Gesellschaft bestehen Machtverhältnisse, die durch die Konstituierung bestimmter Normen Einzug in diese erhalten. Zu Diesen gehören Heterosexualität, cis-Männlichkeit, eine „weiße“ Hautfarbe, eine „gesunde“ Psyche, sowie ein funktionierender Körper ohne jegliche Einschränkungen, der den zeitgemäßen Schönheitsidealen entspricht. Diejenigen, die diese Normen einfach oder mehrfach nicht erfüllen (können/wollen), erfahren in der Gesellschaft aufgrund der herrschenden Dominanzkultur unterschiedlich geartete Diskriminierung, wobei die unterschiedlichen Formen ineinander verwoben sind, wie auch die unterschiedlichen Strukturkategorien gleichzeitig und zusammen wirken können. Diese Verschränkung der Ungleichheit generierenden Unterdrückungsmechanismen und ihr Zusammenwirken bezeichnet man als Intersektionalität. Die generierte Ungleichheit drückt sich somit durch Herrschaftsverhältnisse, wie zum Beispiel Sexismus, Lookismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassismus oder Ableismus aus, die allesamt täglich in der Gesellschaft reproduziert und damit gefestigt werden. Aufgrund einer Intersektionalität verschiedener Machtverhältnisse gibt es für uns auch keine Haupt- und Nebenwidersprüche, was perspektivisch heißt, dass es nicht reicht, sich gegen einen spezifischen Unterdrückungsmechanismus, wie z.B. den Kapitalismus zu wenden und davon auszugehen, dass sich beispielsweise mit der Abschaffung des Kapitalismus auch das Patriarchat in Luft auflösen wird. Es bedarf vielmehr einer Reflexion und der Sichtbarmachung der Zusammenhänge. Außerdem muss ein Vorgehen in diesem Bewusstsein stattfinden, dass Unterdrückung unterschiedlich, sowie auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen stattfinden kann, aber zwischen diesen Formen eine Verbindung besteht.
Das Patriarchat stellt eine von vielen Unterdrückungsmechanismen dar, die wir bekämpfen wollen. Dieses ist ein hierarchisches Konstrukt, das Menschen aufgrund der Kategorie “Geschlecht“ und “Sexualität” mehr oder weniger Macht zuschreibt. Hierbei stehen cis-Männer* gegenüber Frauen* und Menschen, die von der Heteronormativität abweichen in einer privilegierten Position. Wie andere Formen der Diskriminierung auch, äußern sich patriarchale Verhältnisse in verschiedensten Situationen und nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Durch Konstruktion und Sozialisation werden sie konstituiert, gefestigt und darauf aufbauend bestimmte Rollenzuschreibungen, wie auch Verhaltensmuster entwickelt, an denen sich Menschen zu orientieren haben.

Positionierung bezüglich Privilegien
Dass Macht- und damit Unterdrückungsverhältnisse existieren, die von allen Menschen reproduziert werden, impliziert auch, dass es einerseits Personen gibt, die unter diesen Verhältnissen zu leiden haben und andererseits auch diejenigen, die von diesen profitieren.
Für die Entwicklung einer politischen Praxis halten wir es für unausweichlich, sich mit der eigenen Position in der Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen und sich der Privilegien, die mit dieser Position einhergehen, bewusst zu werden, zu reflektieren und ihnen entgegenzuwirken. Um Perspektiven für ein eigenes Handeln ausarbeiten zu können, ist es für uns wichtig, bewusst darauf zu achten, wo in alltäglichen und nicht-alltäglichen Situationen Privilegien sichtbar werden und was ihr Dasein für Auswirkungen auf uns und andere hat. Nur so wird die Abtretung dieser möglich und der Anfang einer Dekonstruktion verschiedener Strukturkategorien überhaupt denkbar.

Für die Praxis heißt das auch, von Diskriminierung betroffene Menschen in einem Diskurs um eben diese in den Vordergrund zu rücken, ihnen zuzuhören und eine Definitionsmacht einzuräumen. Das hat nichts damit zutun, anderen Personen das Wort zu verbieten oder Unterdrückungsmechanismen „umgekehrt“ zu reproduzieren, sondern mit Erfahrungen, die Menschen machen oder nicht machen (müssen) und mit einem daraus folgenden Wissen und Empfinden, dem in der Gesellschaft kaum Beachtung geschenkt wird. Trotzdem denken wir, dass an Diskursen oder bestimmten politischen Anliegen einer radikalen Linken (Antirassismus, Antisexismus, usw.) und ihrer Austragung und Weiterverbreitung prinzipiell alle Menschen teilhaben können sollten, unabhängig von Privilegien-Besitz oder -nicht-Besitz. Jedoch bestimmt die gesellschaftliche Position die Rahmenbedingungen für politisches Handeln in diesem Kontext durchaus mit.

„Ich bin doch links, also kann ich kein Sexist sein“
Solche und andere Lippenbekenntnisse zu Antisexismus hört man öfter in linken Zusammenhängen, doch trotz solcher Äußerungen lässt sich beim genaueren Hinsehen feststellen, dass, was Antisexismus betrifft, auch in der Linken einiges im Argen liegt.
Antifa-Strukturen sind nach wie vor männlich* dominiert, was bei mangelnder Reflexion meist zum Auftreten hegemonialer Männlichkeit führt. Das zeigt sich dann gerne auf Demos, wenn erste Reihen nur aus Männern* bestehen, Frauen* gefragt werden, ob sie es sich denn wirklich zutrauen, vorne zu laufen oder sich in Sachen Militanz immer erstmal männerbündisch organisiert wird. Nach der Aktion geht das dann beim „gemütlichen“ Zusammensitzen weiter: Es wird fröhlich mit draufgängerischen Taten oder Ereignissen geprahlt und das eigene martialische Auftreten heroisch abgefeiert. Dabei wird sich gegenseitig hochgeschaukelt, jede*r will sich möglichst stark vor anderen profilieren können. Das alles heißt nicht, dass wir glauben, die linke Szene bestehe nur aus mackerhaften Sexisten, sondern dass das oben Geschilderte ein verbreitetes Problem ist. Dem vorgetragenen Bekenntnis zum Antisexismus gepaart mit ekelhaftem Mackertum liegt eine Scheinheiligkeit zugrunde, die uns ankotzt!

In vielen linken Strukturen wird Sexismus nach wie vor als Nebenwiderspruch gesehen, der einer tieferen Analyse und Reflexion nicht bedarf. Und wenn die Dringlichkeit der Bekämpfung patriarchaler Verhältnisse erkannt wird, wird dennoch oft davon ausgegangen, dass sich antisexistische Gruppen und Bündnisse darum kümmern.
Doch Antisexismus sollte die Sache Aller sein und jede Einzelperson, genauso wie jede Struktur, sollte sich Gedanken über den Sexismus machen, den sie täglich reproduziert.

Im Umgang mit Definitionsmacht (kurz: Defma) zeigt sich ebenfalls oft mackerhaftes Verhalten. Des Öfteren werden die Wünsche der betroffenen Person ignoriert und zum Beispiel gegen ihren Willen Hausverbote verhängt. Zudem werden Gewaltandrohungen gegenüber der übergriffigen Person geäußert zur Inszenierung des eigenen Antisexismus.
Weder das Eine, noch das Andere verträgt sich mit unserem Verständnis von Defma, da wir für ein Konzept, das sich nach den Wünschen der betroffenen Person richtet, plädieren. Im Umgang mit Defma ist noch viel Reflexionsarbeit zu tun, an der sich alle beteiligen sollten, um ein möglichst zufriedenstellendes Konzept zu entwerfen. Doch prinzipiell gilt: Die Grenzen aller Personen sind zu respektieren, da das Ziel eine Gesellschaft ohne die Notwendigkeit solcher Konzepte darstellt.

Letztendlich gibt es genug Gründe für subversives Handeln in der jetzigen Gesellschaft. Patriarchale Strukturen, Mackertum, männliche* Dominanz werden oft auf „nach der Revolution“ verschoben, doch für uns ist das kein Argument und stellt eine Verharmlosung der Verhältnisse innerhalb des Patriarchats dar. Queerfeministische Intervention ist deshalb immer und überall notwendig!
Wir treten ein für ein ganz anderes Ganzes, als die jetzigen Verhältnisse, für eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung und Hierarchien, in der Menschen frei ohne Ausgrenzung und Angst leben können!

Für eine befreite Gesellschaft!

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