Kategorie: Allgemein

unter uns…

Gedanken zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der radikalen Linken

Triggerwarnung: Wir thematisieren in diesem Text unter anderem den Umgang mit Übergriffen und sexualisierter Gewalt, außerdem verlinken wir Statements und Hinweise mit explizitem Inhalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorab solidarisieren wir uns mit den Frauen, die kürzlich Mitglieder der Band Wolf Down vor dem Hintergrund von Vergewaltigung, bzw. physischer, sowie psychischer Gewalt outeten. Generell gilt unsere Solidarität allen Betroffenen von Übergriffen, Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt, insbesondere auch Personen, die nicht gehört werden und die keinen Raum haben, sich öffentlichkeitswirksam zu äußern.

Dieser Text entsteht aus den Gedanken einiger Frauen* die sich selbst nicht explizit in der Hardcore-Szene verorten. Wir erkennen dennoch Parallelen und teilweise personelle und strukturelle Überschneidungen mit der radikalen Linken und ihrem Umgang mit solchen Geschehnissen. Deshalb und weil derartige Übergriffe auch in diesen Kreisen keine Ausnahmen sind, müssen wir über einen konsequenten und angemessenen Umgang mit sexualisierter Gewalt sprechen. Uns geht es dabei um reflektiertes, weiterführendes Bewusstsein, Positionierung, verantwortungsvolles Verhalten und Sensibilität.

Wir wollen und können keine vollständigen Handlungsanweisungen aufstellen, vielmehr haben wir die Hoffnung, hiermit einen breiteren Diskurs anzuregen. Einen Text in einem sozialen Netzwerk zu teilen ersetzt keine ausreichende Reflexion. Es geht um patriarchale Mechanismen, die uns alle angehen.

Vor einigen Tagen outeten zwei Frauen ein Mitglied der Hardcore-Band Wolf Down, Übergriffe und Vergewaltigungen begangen zu haben (Outing). Dadurch ermutigt, schlossen sich weitere Frauen* den Vorwürfen an und berichteten teils eigene Erfahrungen mit derselben Person und anderen Bandmitgliedern (Final Statement). Die Band löste sich als Reaktion auf die Anschuldigungen auf, dies veröffentlichten sie auf ihrer Facebookpage im Zuge von Rechtfertigungen der Geschehnisse.

Nach unserem Gefühl wiederholt sich diese Vorgehensweise nicht nur in der Hardcore-Szene (lesenswerter Artikel dazu), sondern ist als Muster in unterschiedlichsten Zusammenhängen zu erkennen. Auf eine öffentliche Beschuldigung folgt ein Statement, Taten werden mehr oder weniger eingestanden und Besserung beteuert.

Doch wie schaffen wir in einer Szene, die einen emanzipatorischen Anspruch hat, einen passenden Umgang mit solchen Vorfällen zu finden und solidarisch zu handeln?

Übergriffe passieren jeden Tag. Überall. Keine*r kann sich da herausnehmen.

Es ist unangenehm, die eigenen Verhältnisse zu checken, sich einzugestehen, dass es im eigenen Umfeld Grenzüberschreitungen gibt und Mensch selbst daran beteiligt sein kann. Täter*innen handeln nie allein. Das Standing von Täter*innen wird geschützt durch Menschen, die wegschauen, die schweigen, aus Angst, die eigene Position zu verlieren oder als Verräter*in zu gelten.

Uns nervt die große Überraschtheit, die immer wieder aufs Neue geäußert wird, wenn Übergriffe durch Personen mit gewissem Standing innerhalb ihrer eigenen Kreise öffentlich geoutet werden.

Auf die plötzliche Erkenntnis, dass wir in einer rape culture leben, das eigene Gewissen mit einem Facebookpost zu erleichtern oder mit einer Instagram Story seine*ihre Betroffenheit kundzutun, wie sich am Fall von Wolf Down mediale Reaktionen zusammenfassen lassen, ist lange nicht ausreichend. Es ist nicht damit getan, Sticker abzukratzen und das Band-Merch zu verbrennen. Natürlich ist es sinnvoll, dass Menschen den Rahmen ihres Mediums ausnutzen, um symbolisch Solidarität mit den Betroffenen zu bekunden. Trotzdem kann dieses massenhafte Solidaritätsbekenntnis keinen Ersatz für eine tiefgreifende und langfristige Auseinandersetzung mit der Thematik darstellen.

Dass Menschen offenbar erstaunt und entsetzt auf die Ereignisse reagieren, folgt aus der Arroganz, als Teil einer „reflektierten“ Szene, die sich selbst als emanzipatorisch versteht, unfehlbar zu sein. Auch spiegelt die Überraschung den gravierenden Mangel an Auseinandersetzung mit vermeintlichen „Tabuthemen“ wie sexualisierter Gewalt.

Wenn sich eine betroffene Person dazu entscheidet, einen Vorfall bekannt zu machen, passiert es häufig, dass sie sich gezwungen sieht, Details preiszugeben und einen extrem intimen Erfahrungsbericht abzulegen, um überhaupt als glaubwürdig anerkannt zu werden. Das eine abstrahierte Aussage ohne weitere Erklärungen für Viele nicht ausreichend ist, liegt in unseren Augen an den bestehenden Verhältnissen und daran, dass sich nicht genug mit jeglicher Form von Grenzüberschreitung auseinandergesetzt wird und dadurch unsensibel und wiederum grenzüberschreitend nachgefragt wird. Hierbei wäre es wichtiger, sich den Fakt der individuellen Wahrnehmung bewusst zu machen: Situationen wirken unterschiedlich drastisch auf Personen, Grenzen werden verschieden gezogen.

Einen Raum oder eine Plattform zu schaffen, um im Allgemeinen über rape culture zu diskutieren und sich selbst zu reflektieren, ist zwingend notwendig, um eben dieses Bewusstsein zu schaffen und zu verankern. Eine Möglichkeit, um Erfahrungen auszutauschen, Erlebnisse aufzuarbeiten und Strategien zu entwickeln, kann ein safe space bieten.

Selbst in einer linken Struktur, die auf Kritik und Kritikfähigkeit aufbaut, erfahren Frauen* durch männlich dominiertes Redeverhalten und Unterrepräsentation weniger Gehör und Sichtbarkeit. Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass Feminismus und Antifaschismus untrennbar sind. Deswegen sollten beide Themen mit derselben Priorität und Ernsthaftigkeit behandelt werden und nicht nur auf die Kapazitäten von Fantifa*-Gruppen abgewälzt werden.

Der „Fall“ Wolf Down ist ein gutes Beispiel dafür, dass es Allgemein nicht als krasser Widerspruch wahrgenommen wird, wenn sich eine Personengruppe als antifaschistisch, antisexistisch und feministisch labelt, aber dennoch jahrelang übergriffig und mackrig handelt.

Vorfälle, wie diese sind keine Ausnahmen. Ziel für uns alle sollte sein, Übergriffe als anhaltendes Problem zu erkennen und zu benennen, sie nicht als kurzfristige Störung des Bestehenden zu verharmlosen. Solidarität mit den Betroffenen beginnt für uns mit der fundierten Auseinandersetzung mit Strukturen sexualisierter Gewalt.

 

Achtet auf eigene Grenzen und die Grenzen anderer

Schaut auf Euch und Aufeinander

Hört zu

Seid sensibel

 

 

Was ist sexualisierte Gewalt?

 

Beratungsstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt

http://www.imma.de/

https://www.profamilia.de/

Demo gegen 1000 Kreuze Marsch

Pro-Choice-Demo – voraussichtlich am 25. Juli 2017 in Salzburg

So sicher wie das Amen im Gebet: Pro Choice is ois!

2008 gab es erstmals (pro-)feministische Proteste gegen den ersten „1000 Kreuze Marsch“ in Salzburg. Dabei standen Pro-Choice-Aktivist_innen christlich-fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen gegenüber. Zweitere propagieren ein sexistisches, rassistisches, transphobes und homophobes Weltbild. Frauen* ordnen sie einzig die Rolle einer Mutter zu und Abtreibung wird mit Mord gleichgesetzt. Pro-Choice (englisch „für die Wahlfreiheit“) steht hingegen für das sehr einfache und einleuchtende Prinzip, dass gebärfähige Menschen, das heißt Frauen*, Lesben, Inter- oder Trans-Menschen (kurz: FLIT), sehr gut selbst entscheiden können und sollen, ob, wann und wieviele Kinder sie bekommen möchten. Dazu gehört selbstverständlich auch das Recht auf einen frei zugänglichen Schwangerschaftsabbruch. Frei zugänglich bedeutet auch, dass dieser kostenfrei sein, in zumutbarer Nähe angeboten werden und die Entscheidung für und gegen Kind(er) unterstützt werden muss.

Reproduktive Rechte bedeuten, dass ALLE Menschen das Recht haben auf einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Gebärfähigkeit. Dazu gehört das Recht, Kinder zu bekommen genauso wie das Recht, keine Kinder zu bekommen. Dazu gehören auch der Zugang (zu Informationen über) Verhütungsmethoden, eine gute und unterstützende gynäkologische Gesundheitsversorgung, seriöse Informationen und Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen, sowie eine gute medizinische Versorgung vor, bei und nach der Geburt. Es wird behauptet, die Welt wäre von „Überbevölkerung“ bedroht. Dies erweckt den Anschein, dass Frauen* verantwortlich für Not und Elend wären, weil sie zu viele Kinder kriegen würden. Diese Anschuldigung richtet sich vor allem gegen Frauen* im globalen Süden, Women* of Colour, Refugees und als „anders“ oder „fremd“ markierte Menschen. Hinter dem Schein eine soziale Position gegen Hunger und Armut zu vertreten, verbirgt sich eine Weiterführung rassistischer und kolonialistischer Zuschreibungen, anstatt gegen die eigentlichen Ursache, Rassismus, Sexismus und Kapitalismus, aktiv zu werden. Genausowenig bekommen Frauen* zu wenig Kinder. Diese Argumentation finden wir ebenso in rassistischen Argumentationen, die einen „Volkstod“ befürchten und gleichzeitig behaupten, es wäre die Pflicht einer weißer Frauen* Kinder zum Wohle des Landes zu bekommen.

Der Glaube, dass in Österreich eine Abtreibung doch eh legal oder leicht zugänglich sei ist falsch. Erstens ist ein Schwangerschaftsabbruch straffrei, nicht legal. Zweitens gibt es noch immer zwei Bundesländer, in denen der Eingriff in öffentlichen Spitälern nicht angeboten wird: Vorarlberg und Tirol. Das heißt, dass viele ungewollt Schwangere reisen müssen – Stichwort Abtreibungstourismus. Wenn diese nach Salzburg fahren, müssen sie die Klinik doch erst einmal finden. Die Gynmed, die Abtreibungen im Landeskrankenhaus Salzburg durchführt, ist weder auf der Homepage des Landeskrankenhauses zu finden, noch am Gelände beschildert. Das Thema wird nach wie vor tabuisiert. Denn der Versuch des Verschweigens dieses Angebotes verleiht Abtreibungen den Anschein, dass ungewollt Schwangere dies verheimlichen oder sich schämen müssten. In Wahrheit handelt es sich um einen Eingriff1 der ca. 15 Minuten dauert.

Zurück zum Anfang: Auch dieses Jahr wollen fundamentalistische AbtreibungsgegnerInnen das Recht auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch in Frage stellen. Auch dieses Jahr machen sie dabei öffentlich Stimmung gegen Frauen*, Trans- und Inter-Menschen. Gegen homo-, bi- und pansexuelle Menschen. Gegen Menschen, die nicht in monogamen Partner_innenschaften leben wollen. Gegen eine antirassistische und emanzipatorische Gesellschaft. Und auch dieses Jahr stellen sie sich als „VertreterInnen“ von Menschen mit Beeinträchtigung oder Lernschwierigkeiten auf die Straße. Doch sie treten vielmehr für ein neoliberales Credo der Schuldverschiebung von weltweiten kapitalistischen Zuständen auf Frauen* ein, anstatt echte Unterstützung anzubieten.

Das alles wollen wir nicht hinnehmen! Gegen Scham! Gegen Heimlichtuerei! Gegen das schlechte Gewissen!

Für Zugänglichkeit zu Abtreibungen und seriöse Informationen darüber! Für eine (queer- und pro-)feministische, antirassistische, solidarische und emanzipatorische Gesellschaft! Für reproduktive Rechte! Für eine echte Wahlfreiheit!

Und deshalb: Nieder mit dem Kapitalismus!”

Kommt zur Pro-Choice-Demo – voraussichtlich am 25. Juli 2017 in Salzburg! Achtet auf weitere Ankündigungen!

1 Es gibt in der Gynmed die Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffes bis zur 14. Schwangerschaftswoche oder eines medikamentösen Abbruches bis zur 9. Schwangerschaftswoche.”

Queerthing Summer Festival

“The all new QUEERTHING super special summer festival extra”

1 Juli, 18 Uhr, Glockenbachwerkstatt

Ab 18:00 Picknick im Biergarten

20:00 Vernissage QUEERTHING curates
Im Rahmen unseres “The all new QUEERTHING super special summer festival extra” am Samstag 1.Juli haben wir die Möglichkeit, einen Monat lang die Wände der Glockenbachwerkstatt zu gestalten. Da das Queerthing für das Auseinandersetzen und Sichtbarmachen von queeren und feministischen Inhalten steht, freuen wir uns sehr, damit allen, die in den hetero-, cis-normativ und white supremaciest Strukturen keinen Platz haben, eine Möglichkeit zu bieten ihre Kunst auszustellen. Insbesondere möchten wir Flit*- und von Rassismus betroffene Personen dazu ermuntern, sich an der Ausstellung zu beteiligen.

20:30 Open Stage
Space für euch – egal ob Spoken Word, Musik oder andere Performances

21:30 Konzerte
Deep & Dope (female Rap/ muc)
Mayr (Genderfuck Electro-Punk One-Mayr-Projekt/ wien)

ca. 23:30 Aufgelege
mit DJ Team Deine Mitta & LukeLucie (riot grrls/ muc)

Antifa-Kongress Bayern 2017

“2017 kommt der Antifa-Kongress Bayern wieder nach München. Vom 3. bis zum 5. November wollen wir mit euch gemeinsam in Austausch treten, diskutieren, Perspektiven und Strategien entwickeln.

In einer Reihe von Vorträgen werden wir uns mit rechten Bewegungen, Ressentiments und Ausgrenzung auseinandersetzen und an Debatten um Kapitalismuskritik, Geschlechterverhältnis und Alternativen zu den herrschenden Zuständen anknüpfen. Auch dieses Jahr soll der Kongress einen Rahmen zum Kennenlernen und Vernetzen bieten.

Außerdem werden wieder praktische Workshops, etwa zu Emotionaler Erster Hilfe, Stop-Deportation- und Demosani-Arbeit, auf dem Programm stehen. Und natürlich wird auch diesmal Party und Abgehänge nicht zu kurz kommen.”

Kein Schlussstrich – Tag X

Aufruf zu einer Demonstration und Kundgebung zu Beginn der Urteilsverkündung im NSU-Prozess in München

Wir wollen wissen, wer für die Mordserie, die Anschläge und den Terror verantwortlich ist. Die Beschränkung der Bundesanwaltschaft auf das Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und ihr nächstes Umfeld ignoriert den Netzwerkcharakter des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Der NSU war keine isolierte Zelle aus drei Personen, der NSU war auch mehr als die fünf Angeklagten vor dem Oberlandesgericht. Nicht zuletzt die Arbeit der Nebenklage hat diese Grundannahme längst widerlegt. Ohne militante Nazi-Strukturen wie Blood and Honour, lokale Kameradschaften oder etwa den Thüringer Heimatschutz um V-Mann Tino Brandt und Ralf Wohlleben, wäre der NSU wohl schwer möglich gewesen. Die Aufklärung im Rahmen des Prozesses wurde jedoch konsequent unterbunden, auch durch die eng geführte Anklageschrift der Bundesanwaltschaft und die Weigerung, der Nebenklage komplette Akteneinsicht zu gewähren.

Es geht uns um die Entschädigung der Betroffenen, Überlebenden und Hinterbliebenen sowie die Würdigung ihrer Perspektive in der Debatte. Es war gerade auch das Umfeld der Mordopfer, das früh darauf bestand, eine rassistische Motivation für die Taten in die Ermittlungen einzubeziehen. Etwa auf den Schweigemärschen in Kassel und Dortmund, die unter dem Motto „Kein 10. Opfer!“ die Aufklärung der Mordserie forderten. Stattdessen richteten sich die Untersuchungen vornehmlich gegen das Umfeld der Opfer und Betroffenen. Immer wieder gerieten auch Hinterbliebene der Ermordeten ins Visier der Behörden. Aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft konnten sie keine große Anteilnahme erwarten: als Menschen mit Migrationsgeschichte durften sie nicht einfach Opfer sein – etwas potentiell Kriminelles, irgendwie Gefährliches musste doch an ihnen haften. Dies zog sich wie ein roter Faden durch die Ermittlungen, sowohl bei den „Česká-Morden“ als auch bei den Anschlägen des NSU, etwa auf die Kölner Keupstraße, und das obwohl zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Verbindung zwischen den Taten zu bestehen schien. Doch es gab diese Verbindung: die Ermordeten, die Verletzten, die Attackierten waren durch ihre Migrationsbiografie ins Visier des rassistischen Terrors geraten. Und es waren rassistische Ressentiments bei Polizei und Sicherheitsbehörden, welche die Ermittlungen in die Irre führten, es waren rassistische Klischees, die Presseberichterstattung und Öffentlichkeit dazu brachten, die fantastischen Erzählungen von mafiösen und kriminellen Verstrickungen der Betroffenen zu verbreiten.

Wir müssen über Rassismus reden. Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem. Und das gilt wortwörtlich: Diese Gesellschaft hat ein Rassismusproblem, und zwar ein gewaltiges. Rassismus wird dabei fälschlicherweise oft nur bei klassischen Neonazis verortet. Ebenso findet sich Rassismus auch jenseits der sogenannten neuen Rechten, die sich hinter den Bannern von AfD, Pegida und Konsorten versammeln. Rassismus findet sich in Ämter- und Behördenpraxis, Polizeiarbeit, der Art wie gesellschaftliche Ressourcen und Teilhabe verteilt werden. Rassismus findet sich in marktschreierischen Wahlkampfauftritten wie auch in subtil und vornehm formulierten Leitartikeln. Rassismus zieht sich durch die ganze Gesellschaft: Weil die Gesellschaft, wie sie derzeit eingerichtet ist, Hierarchie, Ausbeutung und Ausgrenzung zwingend hervorbringt und legitimieren muss. Weil eine von Herrschaft durchzogene Gesellschaft, in der Ressourcen und Positionen ungleich verteilt und umkämpft sind, nicht allein durch den Bezug auf eine angebliche gemeinsame „Kultur“ zusammengehalten werden kann, sondern die Abwertung anderer „Kulturen“ benötigt. Weil die „eigene“ Identität stabilisiert wird, indem negative Elemente auf die Projektion der „Anderen“ abgewälzt werden.

Wir fordern die Abschaffung des Verfassungsschutzes. Der Verfassungsschutz wusste nicht zu wenig, sondern zu viel. Das wurde bereits in den ersten Wochen nach der Selbstenttarnung des NSU deutlich. Doch während Image und Legitimität des Inlandsgeheimdienstes zumindest zwischenzeitlich Schaden nahmen und und viele Stimmen bis weit ins bürgerliche Lager seine Abschaffung forderten, ging er letztlich doch unbeschadet aus der Affäre und steht mittlerweile wahrscheinlich sogar besser da als zuvor. Er konnte nicht nur seine gesellschaftliche Reputation wiederherstellen, sondern sogar seine Befugnisse ausweiten. Für uns ist die Sache jedoch nicht erledigt: Für uns bleiben Fragen: Fragen bezüglich der wiederholten, planmäßigen Vernichtung relevanter Akten; Fragen zur Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme, der sich im Internetcafé Halit Yozgats aufhielt, als dieser ermordet wurde, und angeblich nichts bemerkt haben will; Fragen zu V-Mann Piatto, der schon 1998 wichtige Hinweise über die untergetauchten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe weitergab; Fragen zu Ralf Marschner, der als V-Mann Primus im Kontakt mit den Untergetauchten gestanden haben soll. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Im Kampf gegen rechte Strukturen schließen wir uns nicht den wiederkehrenden Rufen an, der Verfassungsschutz solle künftig bitte auch diese oder jene rechte Gruppe beobachten. Nazis sind auch ohne Gelder, Aufbauarbeit und logistische Unterstützung des Geheimdienstes gefährlich genug. Mindestens diese Lehre sollte aus dem NSU gezogen werden.

Wir wehren uns gegen rassistische Stimmungsmache und Gewalt. Der NSU war nicht die erste Neonazi-Terrororganisation und es sieht auch nicht so aus, als sei er die letzte gewesen. In den letzten Monaten laufen und liefen mehrere Prozesse gegen Zusammenschlüsse wie die „Oldschool Society“ oder die „Gruppe Freital“. Daneben häufen sich die Meldungen von immer neuen Waffenfunden bei rechten Strukturen, immer neue gewaltbereite rechte Organisierungsansätze sprießen regelrecht aus dem Boden. Die Zahl der Brandanschläge und rassistischen Übergriffe ist in den letzten Jahren gravierend angestiegen. Und während sich der nette Herr von nebenan im Internet mit „Migrantenschreck“ genannten Schusswaffen eindeckt, legen die Entscheidungsträger_innen mit dem Abbau des Asylrechts und neuen Integrationsgesetzen vor, setzen Ausländerbehörde und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Abschreckung, werden Sammelabschiebungen auf den Weg geschickt und Abschiebelager hochgezogen.

Nach vier Jahren lässt sich ein frustrierendes Fazit ziehen. Noch immer wird rechte Gewalt verharmlost, noch immer darf sich der Verfassungsschutz als Beschützer inszenieren, noch immer hat diese Gesellschaft Rassismus nicht überwunden, noch immer ist es nötig auf den institutionellen Rassismus in Deutschland hinzuweisen, wie das erst jüngst die UN und Nichtregierungsorganisationen getan haben und wie es Selbstorganisierungen von Betroffenen nicht erst seit gestern tun. Es wurden von Seiten der Mehrheitsgesellschaft keine erkennbaren Lehren aus dem NSU gezogen. Höchste Zeit also, dass sich das ändert. Initiativen wie „Keupstraße ist überall“ oder das „NSU-Tribunal“ und die zahlreichen Vereinigungen die lokal im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des NSU zusammen kamen, haben vorgemacht wie es geht.

Am Tag der Urteilsverkündung wollen wir mit euch auf die Straße gehen. Denn für uns bedeutet das Ende des Prozesses nicht das Ende der Auseinandersetzung mit dem NSU und der Gesellschaft, die ihn möglich machte:

Kein Schlussstrich! – NSU-Komplex aufklären und auflösen!

Verfassungsschutz auflösen – V- Leute abschaffen!

Dem aktuellen rassistischen Terror gegen Flüchtlinge und MigrantInnen entgegentreten!

Rassismus in Behörden und Gesellschaft bekämpfen!

BROKE BUT IN LOVE!

we are ugly but we have the music

Am 25. Februar wird es mal wieder Zeit, eure local Krawallmacher*innen zu supporten. Da gibt’s im Kafe Marat Soli-Bespaßung für die gute Sache. Man munkelt, es wird auch schönstes “Merch” zu erwerben geben.

Für Unterhaltung sorgen GrGr, Sprudelpanda und Rmtrnnr, Visuals kommen von Structure.

In Raum 2 wartet die Retro Konsolen Lounge, musikalisch untermalt von I’m not easily amused (goth for the bored and lonely).

Ab 21 Uhr referiert Igor Net zu regressivem Antikapitalismus:

Die Kritik am Kapitalismus gilt zu Recht als Kernstück linken Denkens. Doch auch die extreme Rechte gibt sich in ihren Parolen immer wieder antikapitalistisch. In der Veranstaltung werden wir uns der Frage annähern, warum sich rechte und linke Vorstellungen von Antikapitalismus in verschiedenen Punkten überschneiden können. Dazu werden Fragen der Abstraktionen des kapitalistischen Marktes, des Arbeitsbegriffs und der Personifikation der ‚Nicht-Arbeit’ berührt.

 

QUEERTHING – Hexe*, Hure*, Mutter*, Hysterikerin*: Machtvolle Frauen*bilder und antikapitalistische Visionen

14. Juni 2016
19:00bis23:30

Siehe auch Facebook-Veranstaltung:

Short-Facts:

Queerthing – Kunst.Kultur.Musik
Vortrag- Lesung- Diskussion / Konzert
Datum: 14.06.2016, ab 19 Uhr
Ort: Glockenbachwerkstatt, Blumenstr. 7
Veranstalter: QUEERTHING

Hexe*, Hure*, Mutter*, Hysterikerin*: Machtvolle Frauen*bilder und antikapitalistische Visionen
The Irksome Institute liest aus “Hysterical Experiments” (2015) und “Who cares?” (2016). The Irksome Institute erforscht kapitalistische und patriachale Rationalitäten und erkundet eine antikapitalistische feministische Zukunft. Unser Ansatz ist ein experimenteller: theoretische Nachforschungen und politische Analysen haben immer etwas mit unseren persönlichen Leben und Beziehungen zu tun. Wir bringen sie durcheinander. Wir erweitern unsere Handlungsspielräume.
https://theirksomeinstitute.wordpress.com/

“Who Cares?” hinterfragt “sich kümmern” als Frauen*rolle innerhalb der Geschichte des Kapitalismus. Wir begegnen Frauen*bildern wie der Hexe*, der Hure*, der Mutter* und der Hysterikerin*. Wir erfinden Experimente, die zu anderen Umgängen mit Für_Sorge inspirieren. Wir brechen mit Karriere und Identitätsdruck, streiken mit Trauer, diskutieren Konzepte von Freundschaft, Liebe und Mitgefühl – auf der Suche nach Visionen antikapitalistisch feministischer Zukunft.

** Danach musikalisches von
Singer/songwriterin DOREEN (Berlin)
und
MARIA (elcassette, Sally Rides/ München)

Wir freuen uns auf euch!
**Eintritt- wie immer- auf Spendenbasis**

schaut auch hier hin
https://www.facebook.com/QUEERTHING-1553506468195460/

———————————————–

Respekt-Kampagne im Glockenbachviertel

Gemeinsam leben, lieben, lachen – und einander mit Respekt begegnen. Das Glockenbachviertel, traditionell Hochburg der Münchner LSBTTIQ*-Community, wandelt sich: Immer mehr Menschen entdecken das Viertel für sich. Diese Vielfalt will gelebt werden! Die Respekt-Kampagne will Vorurteilen vorbeugen, die Vielfalt im Viertel zeigen und gegenseitige Akzeptanz fordern. Dafür sorgen Plakate der Stadt München in den Gaststätten und auf Großflächen sowie tolle Aktionen der Community im Zeitraum Mai bis zur CSD Pride Week.

Keine Ruhe geben! – Zugtreffpunkt für Stuttgart

11. Oktober 2015
14:00bis18:00

Keine Ruhe geben

Am 11. Oktober 2015 wollen Menschen aus dem Spektrum der christlichen Fundamentalist_innen, besorgten Eltern und (rechten) Antifeminist_innen um 14 Uhr in Stuttgart auf die Straße gehen. Dabei sollen cissexistische, heterosexistische, rechtspopulistische und antifeministische Inhalte verbreitet werden, da die “Demo für alle” bekannt ist für ihre Trans*feindlichkeit, ihren Hass auf freies Lieben und Leben, sowie Selbstbestimmung auf diversen Ebenen.

Mehr Infos zum Thema “Demo für alle” in Stuttgart findet ihr unter anderem in einer Broschüre der RLS.

Wir wollen die “Demo für alle”, die so unglaublich gar nicht für alle ist, nicht ungestört und unkommentiert stattfinden lassen, weshalb wir einen Zugtreffpunkt organisieren:

Kommt um 9.20 Uhr zur großen Anzeigetafel im Münchner Hauptbahnhof, damit wir gemeinsam nach Stuttgart fahren können, um Stimmung zu machen für selbstbestimmte Lebens- und Liebensweisen abseits von binärer Geschlechterordnung, Heteronormativität und patriarchaler Strukturen!

Gegen den Bagida-Marsch am 26. Januar

26. Januar 2015
18:00bis21:00

Für den 26.1. plant “Bagida” erneut einen Marsch in München. Auftakt ist 18.30 Uhr am Goetheplatz, von wo aus es über die Lindwurmstraße zum Sendlinger Tor Platz gehen soll. (Die Route kann sich noch kurzfristig ändern, wir werden euch über mögliche Änderungen informieren.)

Wir rufen zu lauten und entschlossenen Protesten gegen Nazis, Rechtspopulist_innen und die rassistische Hetze auf: Nehmen wir “Bagida” schon am Goetheplatz in Empfang!

18 Uhr Goetheplatz.

Für weitere Infos checkt die Nobagida-Seite, Facebook oder Twitter!

Wer ist diese Feminist Subversion?

Wir sind eine queer-feministische, autonome Gruppe aus München, die sich sowohl mit queer-feministischen Anliegen, als auch mit antifaschistischen Themen auseinandersetzt. Dies schließt für uns auch jegliche Unterdrückungsmechanismen jenseits von „Geschlecht“ und Rassismus ein, die alle miteinander zusammenhängen. Dabei teilen wir nicht in Haupt- und Nebenwidersprüche ein, sondern sehen Kritik an jeglichen Formen der Diskriminierung als essentiell an. Des Weiteren erkennen wir Militanz als politisches Mittel als legitim an, möchten aber darauf hinweisen, dass Personen immer frei entscheiden können sollten, ob und inwieweit sie diese praktizieren möchten und dass Militanz nicht automatisch sinnvoll ist. Ihre Ausübung und die Intensität liegt in der Selbstverantwortung jedes*r Einzelnen.


Bei unserem Selbstverständnis handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes Projekt, sondern lediglich um einen Versuch zur groben Darstellung unserer Anliegen, der für Änderungen und Kritik offen ist. Dies gilt auch für unser politisches Handeln, da sowohl theoretische, als auch praktische Verfehlungen jederzeit passieren können und sich jede Gruppe im Laufe ihrer Existenz weiterentwickelt. Wir haben uns für eine Organisierung ohne cis-Männer* entschieden, da wir einen politischen Freiraum für nicht-cis-Männer* schaffen möchten. Damit wollen wir dem strukturellen Problem der männlichen* Dominanz in autonomen Antifa-Kreisen entgegenwirken. Dass es cis-Männern* oft leichter fällt sich in autonomen Gruppen zu behaupten folgt aus dieser männlichen* Hegemonie. Also möchten wir mit diesem Konzept niemandem die Möglichkeit der Organisierung nehmen, sondern neue Möglichkeiten schaffen.

F*antifa
Fantifa-Gruppen haben sich in den 90er Jahren als eine Reaktion auf stark cis-Männer*-dominierte Antifa-Strukturen gebildet. In diesen Gruppen schlossen sich Frauen* zusammen, um dieser Dominanz etwas entgegenzusetzen und sich mit Feminismus, sowie mit Antifaschismus und verschiedenen Unterdrückungsformen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Leider ist diese Form der Organisierung heute nur noch wenig in der linken Szene vertreten. Gerade deswegen sehen wir eine Notwendigkeit darin, an dieses Konzept anknüpfen, da die Thematisierung von Sexismus auch heute zu wenig Beachtung in der Linken findet und sexistische Strukturen dort weiter existieren können, obwohl sich fast alle Gruppen als „antisexistisch“ labeln. Unser Schwerpunkt liegt auf queer-feministischer Politik, dennoch ist pro-feministische Praxis und die Auseinandersetzung mit Sexismus die Aufgabe aller sich einer radikalen Linken zugehörig fühlenden Personen.

Den Fokus auf Queer-Feminismus zu legen bedeutet für uns aber nicht, andere Formen der Unterdrückung und politisch relevante Themen auszuklammern, weshalb wir auch autonome Antifa-Politik als wesentlich erachten und uns damit beschäftigen.
Das bedeutet für uns, dass wir Formen der Diskriminierung und Machtverhältnisse aufdecken und bekämpfen wollen. Da aus emanzipatorischer Sicht die Ideologie der Neonazis eine besonders starke Ausprägung von Unterdrückung und Ausgrenzung darstellt, ist es überaus wichtig, zu jeder Zeit gegen diese und ihre Ausbreitung in der Gesellschaft vorzugehen.
Das Ziel der autonomen Antifa-Politik ist eine befreite Gesellschaft, in der alle Menschen frei von Diskriminierung, Ausgrenzung und Hierarchien leben können.


Queerfeminismus
Das Wort „queer“ kommt aus dem Englischen und wurde ursprünglich als Beleidigung für Menschen verwendet, die nicht ins heteronormative Weltbild passten, das heißt, für Menschen, die von Geschlechter- oder sexuellen Normen abweichen. Dieses Wort wurde allerdings von der Queer-Bewegung positiv neubesetzt (reclaiming) und bezeichnet die Bewegung, sowie Einzelpersonen, deren Anliegen es ist, Heteronormativität zu hinterfragen, zu durchbrechen und abzuschaffen. Feminismus stammt ursprünglich von unterschiedlichen Frauenbewegungen und politischen Gruppen ab, deren Ziel es war, Frauen aus ihrer unterdrückten Position in der Gesellschaft zu befreien. Heute gibt es viele verschiedene feministische Bestrebungen, die darüber hinausgehen und beispielsweise die Abschaffung von Geschlechterkategorien und -rollen an sich anstreben, zu diesen wir uns auch selbst zählen.


Nach unserem Verständnis hat Queerfeminismus einerseits Genderdekonstruktion zum Ziel und andererseits das Patriarchat zu analysieren (auch im Zusammenhang mit anderen Unterdrückungsmechanismen, wie zum Beispiel dem Kapitalismus), zu bekämpfen und abzuschaffen, wobei beide Ziele Hand in Hand gehen. Darüber hinaus sollten alle Menschen vom Zwang der Zuordnung zu einem Geschlecht befreit leben können. Das heißt nicht, dass wir Menschen das Recht absprechen, sich einem Geschlecht zuzuordnen, wenn diese das möchten, das letztendliche Ziel ist jedoch eine Gesellschaft ohne die Kategorie „Geschlecht“.
 Da zur Befreiung aus der Heteronormativität auch gehört, so viel, so wenig oder gar keinen Sex zu haben wie man möchte, bzw. sämtliche sexuellen Praktiken auszuüben (wenn diese Handlungen zwischen allen Beteiligten Konsens sind), vertreten wir einen sexpositiven Ansatz. Das bedeutet für uns auch die Akzeptanz von selbstbestimmter Sexarbeit und von Pornographie, die einem queer-feministischen Anspruch gerecht wird. Außerdem sprechen wir uns für einen geschützten und nicht stigmatisierten Zugang zu Abtreibung aus, der es jeder Person ermöglicht selbst über Ihren Körper zu bestimmen ohne jegliche geforderte Rechtfertigung und Repression.

Aus all diesen genannten Gründen möchten wir uns von vermeintlichen Feminist*innen, die ein antiquares Bild der Keuschheit im Bezug auf Sex oder auch Geschlecht vertreten, distanzieren. Das bedeutet auch, dass wir keinen männer*hassenden feministischen Ansatz propagieren und es begrüßen, wenn sich cis-Männer* pro-feministisch engagieren.


Von der Mär der Zweigeschlechtlichkeit
In der Gesellschaft herrscht die Vorstellung von der Binarität der Geschlechter, also davon, dass es zwei sich gegenseitig ausschließende Geschlechter gibt und nichts dazwischen oder außerhalb. Durch diese Norm werden alle Menschen, die dieser Zweigeschlechtlichkeit nicht entsprechen, also beispielsweise Trans- oder Interpersonen, ausgeschlossen und pathologisiert. Der Zwang, sich entweder als Mann* oder Frau* zu fühlen und zu sehen beginnt bei der Geburt, beim simplen Kreuzchen Setzen und hört das ganze Leben lang nicht auf. Eine Möglichkeit sich nicht zu definieren gibt es nicht und Menschen, die das tun, gelten als „krank“ und „abnormal“. Dass die medizinische Unterteilung der Geschlechter gar nicht so einfach läuft, wie es immer scheint, dass Geschlecht überwiegend durch Sozialisation und nicht unbedingt durch körperliche Merkmale entsteht und bestimmt ist, wird meistens ignoriert und nicht erkannt. Das ganze Leben lang wird versucht, Menschen in bestimmte Muster zu zwingen, bestimmte „Schablonen“ über sie zu legen: Die meisten Menschen versuchen aufgrund ihrer ansozialisierten Vorstellungen andere Menschen in eine Kategorie des Geschlechts Mann* oder Frau* einzuordnen – ihnen jeweils die „Schablonen“ der beiden Geschlechter aufzulegen; passen beide nicht, sind die Menschen irritiert und fühlen sich in ihrem Weltbild bedroht, was meistens zu einer Ablehnung der nicht einzuordnenden Person führt. Eine Ablehnung, die äußerst drastische Formen annehmen kann. Doch nicht nur in Sachen Zuordnung zu einem Geschlecht existieren Zwänge, nein, es wird in der Gesellschaft erstmal vorausgesetzt, dass Personen heterosexuell sind, alles andere sind Ausnahmen und Abweichungen von der heterosexuellen Norm. Dies bezeichnet man als Zwangsheterosexualität und führt zu einem Ausschluss von Homo-, Bi-, Pan- und A-Sexuellen, die ebenfalls mindestens als Abweichler*innen gesehen werden bis hin zu ihrer Pathologisierung.

Trotzdem nicht außer Acht zu lassen, sind Errungenschaften, wie z.B., dass die gesamtgesellschaftliche Debatte seit kurzem durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hinsichtlich des „dritten Geschlechts“ vorangetrieben wird. Bis Ende 2018 soll bei der Geschlechtsangabe ein dritte Auswahlmöglichkeit hinzugefügt werden oder der Geschlechtseintrag komplett abgeschafft werden.

In einer befreiten Gesellschaft allerdings gibt es unserer Ansicht nach weder die Norm einer bestimmten Sexualität oder Geschlechtszugehörigkeit, noch einen Zwang zur Einordnung zu einer Geschlechterkategorie oder Sexualität, oder die Kategorien „Geschlecht“ und „Sexualität“ an sich!

“My feminism will be intersectional or it will be bullshit!” (Flavia Dzodan)
In der Gesellschaft bestehen Machtverhältnisse, die durch die Konstituierung bestimmter Normen Einzug in diese erhalten. Zu Diesen gehören Heterosexualität, cis-Männlichkeit, eine „weiße“ Hautfarbe, eine „gesunde“ Psyche, sowie ein funktionierender Körper ohne jegliche Einschränkungen, der den zeitgemäßen Schönheitsidealen entspricht. Diejenigen, die diese Normen einfach oder mehrfach nicht erfüllen (können/wollen), erfahren in der Gesellschaft aufgrund der herrschenden Dominanzkultur unterschiedlich geartete Diskriminierung, wobei die unterschiedlichen Formen ineinander verwoben sind, wie auch die unterschiedlichen Strukturkategorien gleichzeitig und zusammen wirken können. Diese Verschränkung der Ungleichheit generierenden Unterdrückungsmechanismen und ihr Zusammenwirken bezeichnet man als Intersektionalität. Die generierte Ungleichheit drückt sich somit durch Herrschaftsverhältnisse, wie zum Beispiel Sexismus, Lookismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassismus oder Ableismus aus, die allesamt täglich in der Gesellschaft reproduziert und damit gefestigt werden. Aufgrund einer Intersektionalität verschiedener Machtverhältnisse gibt es für uns auch keine Haupt- und Nebenwidersprüche, was perspektivisch heißt, dass es nicht reicht, sich gegen einen spezifischen Unterdrückungsmechanismus, wie z.B. den Kapitalismus zu wenden und davon auszugehen, dass sich beispielsweise mit der Abschaffung des Kapitalismus auch das Patriarchat in Luft auflösen wird. Es bedarf vielmehr einer Reflexion und der Sichtbarmachung der Zusammenhänge. Außerdem muss ein Vorgehen in diesem Bewusstsein stattfinden, dass Unterdrückung unterschiedlich, sowie auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen stattfinden kann, aber zwischen diesen Formen eine Verbindung besteht.
Das Patriarchat stellt eine von vielen Unterdrückungsmechanismen dar, die wir bekämpfen wollen. Dieses ist ein hierarchisches Konstrukt, das Menschen aufgrund der Kategorie “Geschlecht“ und “Sexualität” mehr oder weniger Macht zuschreibt. Hierbei stehen cis-Männer* gegenüber Frauen* und Menschen, die von der Heteronormativität abweichen in einer privilegierten Position. Wie andere Formen der Diskriminierung auch, äußern sich patriarchale Verhältnisse in verschiedensten Situationen und nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Durch Konstruktion und Sozialisation werden sie konstituiert, gefestigt und darauf aufbauend bestimmte Rollenzuschreibungen, wie auch Verhaltensmuster entwickelt, an denen sich Menschen zu orientieren haben.


Positionierung bezüglich Privilegien
Dass Macht- und damit Unterdrückungsverhältnisse existieren, die von allen Menschen reproduziert werden, impliziert auch, dass es einerseits Personen gibt, die unter diesen Verhältnissen zu leiden haben und andererseits auch diejenigen, die von diesen profitieren.
Für die Entwicklung einer politischen Praxis halten wir es für unausweichlich, sich mit der eigenen Position in der Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen und sich der Privilegien, die mit dieser Position einhergehen, bewusst zu werden, zu reflektieren und ihnen entgegenzuwirken. Um Perspektiven für ein eigenes Handeln ausarbeiten zu können, ist es für uns wichtig, bewusst darauf zu achten, wo in alltäglichen und nicht-alltäglichen Situationen Privilegien sichtbar werden und was ihr Dasein für Auswirkungen auf uns und andere hat. Nur so wird die Abtretung dieser möglich und der Anfang einer Dekonstruktion verschiedener Strukturkategorien überhaupt denkbar.


Für die Praxis heißt das auch, von Diskriminierung betroffene Menschen in einem Diskurs um eben diese in den Vordergrund zu rücken, ihnen zuzuhören und eine Definitionsmacht einzuräumen. Das hat nichts damit zutun, anderen Personen das Wort zu verbieten oder Unterdrückungsmechanismen „umgekehrt“ zu reproduzieren, sondern mit Erfahrungen, die Menschen machen oder nicht machen (müssen) und mit einem daraus folgenden Wissen und Empfinden, dem in der Gesellschaft kaum Beachtung geschenkt wird. Trotzdem denken wir, dass an Diskursen oder bestimmten politischen Anliegen einer radikalen Linken (Antirassismus, Antisexismus, usw.) und ihrer Austragung und Weiterverbreitung prinzipiell alle Menschen teilhaben können sollten, unabhängig von Privilegien-Besitz oder -nicht-Besitz. Jedoch bestimmt die gesellschaftliche Position die Rahmenbedingungen für politisches Handeln in diesem Kontext durchaus mit.


„Ich bin doch links, also kann ich kein Sexist sein“
Solche und andere Lippenbekenntnisse zu Antisexismus hört man öfter in linken Zusammenhängen, doch trotz solcher Äußerungen lässt sich beim genaueren Hinsehen feststellen, dass, was Antisexismus betrifft, auch in der Linken einiges im Argen liegt.
Antifa-Strukturen sind nach wie vor männlich* dominiert, was bei mangelnder Reflexion meist zum Auftreten hegemonialer Männlichkeit führt. Das zeigt sich dann gerne auf Demos, wenn erste Reihen nur aus Männern* bestehen, Frauen* gefragt werden, ob sie es sich denn wirklich zutrauen, vorne zu laufen oder sich in Sachen Militanz immer erstmal männerbündisch organisiert wird. Nach der Aktion geht das dann beim „gemütlichen“ Zusammensitzen weiter: Es wird fröhlich mit draufgängerischen Taten oder Ereignissen geprahlt und das eigene martialische Auftreten heroisch abgefeiert. Dabei wird sich gegenseitig hochgeschaukelt, jede*r will sich möglichst stark vor anderen profilieren können. Das alles heißt nicht, dass wir glauben, die linke Szene bestehe nur aus mackerhaften Sexisten, sondern dass das oben Geschilderte ein verbreitetes Problem ist. Dem vorgetragenen Bekenntnis zum Antisexismus gepaart mit ekelhaftem Mackertum liegt eine Scheinheiligkeit zugrunde, die uns ankotzt!

In vielen linken Strukturen wird Sexismus nach wie vor als Nebenwiderspruch gesehen, der einer tieferen Analyse und Reflexion nicht bedarf. Und wenn die Dringlichkeit der Bekämpfung patriarchaler Verhältnisse erkannt wird, wird dennoch oft davon ausgegangen, dass sich antisexistische Gruppen und Bündnisse darum kümmern.
Doch Antisexismus sollte die Sache Aller sein und jede Einzelperson, genauso wie jede Struktur, sollte sich Gedanken über den Sexismus machen, den sie täglich reproduziert.

Im Umgang mit Definitionsmacht (kurz: Defma) zeigt sich ebenfalls oft mackerhaftes Verhalten. Des Öfteren werden die Wünsche der betroffenen Person ignoriert und zum Beispiel gegen ihren Willen Hausverbote verhängt. Zudem werden Gewaltandrohungen gegenüber der übergriffigen Person geäußert zur Inszenierung des eigenen Antisexismus.
Weder das Eine, noch das Andere verträgt sich mit unserem Verständnis von Defma, da wir für ein Konzept, das sich nach den Wünschen der betroffenen Person richtet, plädieren. Im Umgang mit Defma ist noch viel Reflexionsarbeit zu tun, an der sich alle beteiligen sollten, um ein möglichst zufriedenstellendes Konzept zu entwerfen. Doch prinzipiell gilt: Die Grenzen aller Personen sind zu respektieren, da das Ziel eine Gesellschaft ohne die Notwendigkeit solcher Konzepte darstellt.
 
Letztendlich gibt es genug Gründe für subversives Handeln in der jetzigen Gesellschaft. Patriarchale Strukturen, Mackertum, männliche* Dominanz werden oft auf „nach der Revolution“ verschoben, doch für uns ist das kein Argument und stellt eine Verharmlosung der Verhältnisse innerhalb des Patriarchats dar. Queerfeministische Intervention ist deshalb immer und überall notwendig!


Wir treten ein für ein ganz anderes Ganzes, als die jetzigen Verhältnisse, für eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung und Hierarchien, in der Menschen frei ohne Ausgrenzung und Angst leben können!

Für eine befreite Gesellschaft!