unter uns…

Gedanken zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der radikalen Linken

Triggerwarnung: Wir thematisieren in diesem Text unter anderem den Umgang mit Übergriffen und sexualisierter Gewalt, außerdem verlinken wir Statements und Hinweise mit explizitem Inhalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorab solidarisieren wir uns mit den Frauen, die kürzlich Mitglieder der Band Wolf Down vor dem Hintergrund von Vergewaltigung, bzw. physischer, sowie psychischer Gewalt outeten. Generell gilt unsere Solidarität allen Betroffenen von Übergriffen, Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt, insbesondere auch Personen, die nicht gehört werden und die keinen Raum haben, sich öffentlichkeitswirksam zu äußern.

Dieser Text entsteht aus den Gedanken einiger Frauen* die sich selbst nicht explizit in der Hardcore-Szene verorten. Wir erkennen dennoch Parallelen und teilweise personelle und strukturelle Überschneidungen mit der radikalen Linken und ihrem Umgang mit solchen Geschehnissen. Deshalb und weil derartige Übergriffe auch in diesen Kreisen keine Ausnahmen sind, müssen wir über einen konsequenten und angemessenen Umgang mit sexualisierter Gewalt sprechen. Uns geht es dabei um reflektiertes, weiterführendes Bewusstsein, Positionierung, verantwortungsvolles Verhalten und Sensibilität.

Wir wollen und können keine vollständigen Handlungsanweisungen aufstellen, vielmehr haben wir die Hoffnung, hiermit einen breiteren Diskurs anzuregen. Einen Text in einem sozialen Netzwerk zu teilen ersetzt keine ausreichende Reflexion. Es geht um patriarchale Mechanismen, die uns alle angehen.

Vor einigen Tagen outeten zwei Frauen ein Mitglied der Hardcore-Band Wolf Down, Übergriffe und Vergewaltigungen begangen zu haben (Outing). Dadurch ermutigt, schlossen sich weitere Frauen* den Vorwürfen an und berichteten teils eigene Erfahrungen mit derselben Person und anderen Bandmitgliedern (Final Statement). Die Band löste sich als Reaktion auf die Anschuldigungen auf, dies veröffentlichten sie auf ihrer Facebookpage im Zuge von Rechtfertigungen der Geschehnisse.

Nach unserem Gefühl wiederholt sich diese Vorgehensweise nicht nur in der Hardcore-Szene (lesenswerter Artikel dazu), sondern ist als Muster in unterschiedlichsten Zusammenhängen zu erkennen. Auf eine öffentliche Beschuldigung folgt ein Statement, Taten werden mehr oder weniger eingestanden und Besserung beteuert.

Doch wie schaffen wir in einer Szene, die einen emanzipatorischen Anspruch hat, einen passenden Umgang mit solchen Vorfällen zu finden und solidarisch zu handeln?

Übergriffe passieren jeden Tag. Überall. Keine*r kann sich da herausnehmen.

Es ist unangenehm, die eigenen Verhältnisse zu checken, sich einzugestehen, dass es im eigenen Umfeld Grenzüberschreitungen gibt und Mensch selbst daran beteiligt sein kann. Täter*innen handeln nie allein. Das Standing von Täter*innen wird geschützt durch Menschen, die wegschauen, die schweigen, aus Angst, die eigene Position zu verlieren oder als Verräter*in zu gelten.

Uns nervt die große Überraschtheit, die immer wieder aufs Neue geäußert wird, wenn Übergriffe durch Personen mit gewissem Standing innerhalb ihrer eigenen Kreise öffentlich geoutet werden.

Auf die plötzliche Erkenntnis, dass wir in einer rape culture leben, das eigene Gewissen mit einem Facebookpost zu erleichtern oder mit einer Instagram Story seine*ihre Betroffenheit kundzutun, wie sich am Fall von Wolf Down mediale Reaktionen zusammenfassen lassen, ist lange nicht ausreichend. Es ist nicht damit getan, Sticker abzukratzen und das Band-Merch zu verbrennen. Natürlich ist es sinnvoll, dass Menschen den Rahmen ihres Mediums ausnutzen, um symbolisch Solidarität mit den Betroffenen zu bekunden. Trotzdem kann dieses massenhafte Solidaritätsbekenntnis keinen Ersatz für eine tiefgreifende und langfristige Auseinandersetzung mit der Thematik darstellen.

Dass Menschen offenbar erstaunt und entsetzt auf die Ereignisse reagieren, folgt aus der Arroganz, als Teil einer „reflektierten“ Szene, die sich selbst als emanzipatorisch versteht, unfehlbar zu sein. Auch spiegelt die Überraschung den gravierenden Mangel an Auseinandersetzung mit vermeintlichen „Tabuthemen“ wie sexualisierter Gewalt.

Wenn sich eine betroffene Person dazu entscheidet, einen Vorfall bekannt zu machen, passiert es häufig, dass sie sich gezwungen sieht, Details preiszugeben und einen extrem intimen Erfahrungsbericht abzulegen, um überhaupt als glaubwürdig anerkannt zu werden. Das eine abstrahierte Aussage ohne weitere Erklärungen für Viele nicht ausreichend ist, liegt in unseren Augen an den bestehenden Verhältnissen und daran, dass sich nicht genug mit jeglicher Form von Grenzüberschreitung auseinandergesetzt wird und dadurch unsensibel und wiederum grenzüberschreitend nachgefragt wird. Hierbei wäre es wichtiger, sich den Fakt der individuellen Wahrnehmung bewusst zu machen: Situationen wirken unterschiedlich drastisch auf Personen, Grenzen werden verschieden gezogen.

Einen Raum oder eine Plattform zu schaffen, um im Allgemeinen über rape culture zu diskutieren und sich selbst zu reflektieren, ist zwingend notwendig, um eben dieses Bewusstsein zu schaffen und zu verankern. Eine Möglichkeit, um Erfahrungen auszutauschen, Erlebnisse aufzuarbeiten und Strategien zu entwickeln, kann ein safe space bieten.

Selbst in einer linken Struktur, die auf Kritik und Kritikfähigkeit aufbaut, erfahren Frauen* durch männlich dominiertes Redeverhalten und Unterrepräsentation weniger Gehör und Sichtbarkeit. Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass Feminismus und Antifaschismus untrennbar sind. Deswegen sollten beide Themen mit derselben Priorität und Ernsthaftigkeit behandelt werden und nicht nur auf die Kapazitäten von Fantifa*-Gruppen abgewälzt werden.

Der „Fall“ Wolf Down ist ein gutes Beispiel dafür, dass es Allgemein nicht als krasser Widerspruch wahrgenommen wird, wenn sich eine Personengruppe als antifaschistisch, antisexistisch und feministisch labelt, aber dennoch jahrelang übergriffig und mackrig handelt.

Vorfälle, wie diese sind keine Ausnahmen. Ziel für uns alle sollte sein, Übergriffe als anhaltendes Problem zu erkennen und zu benennen, sie nicht als kurzfristige Störung des Bestehenden zu verharmlosen. Solidarität mit den Betroffenen beginnt für uns mit der fundierten Auseinandersetzung mit Strukturen sexualisierter Gewalt.

 

Achtet auf eigene Grenzen und die Grenzen anderer

Schaut auf Euch und Aufeinander

Hört zu

Seid sensibel

 

 

Was ist sexualisierte Gewalt?

 

Beratungsstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt

http://www.imma.de/

https://www.profamilia.de/

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