Statement zu sexistischen Vorfällen auf der “Free Paul”-Demo

Ja, die immer mit ihrem Feminismus!

Am 12.09.2015 fand die „Free Paul“-Demo statt, bei der es zu Vorkommnissen kam, die aus unserer Sicht ziemlich unhaltbar sind. Aus diesem Grund haben wir dieses Statement verfasst, in dem wir uns allgemein zu Demonstrationsverhalten und -auftreten äußern wollen und zur Diskussion und kritischen Selbstreflexion anstoßen.
Wir finden das Konzept Black Block sinnvoll und wollen uns in unserer Kritik nicht ablehnend diesbezüglich äußern, aber dennoch dazu aufrufen, sich damit zu befassen, wann das Konzept sinnvoll ist und wann es lediglich der Profilierung dient.
Diese passiert unserer Meinung nach mitunter auch, wenn Personen, die als Frauen* gelesen werden, auf ekelhafteste Art und Weise aus einem Schwarzen Block gedrängt werden. Dies geschah auf der „Free Paul“-Demo in einer Form, von der wir gedacht hatten, dass sie tatsächlich inzwischen von weiten Kreisen einer radikalen Linken als unkorrekt erkannt worden wäre und das aus gutem Grund.
Denn es ist die eine Sache, Personen bei einer organisierten Aktion mit potenziellen brenzligen Situationen nicht in einer Reihe haben zu wollen, weil man sie nicht kennt. Es ist die andere Sache, Personen, die an der Demoorganisation mitgewirkt haben, einen Reihenplatz zugesichert bekommen hatten und als Frauen* gelesen werden aus Reihenstrukturen, die bis auf wenige Ausnahmen nur aus cis*-Männern* bestehen, zu drängen mit Aussprüchen, wie „Das ist unsere Reihe!“, „Seid ihr überhaupt organisiert?!“ und dann ernsthaft noch ein „Die immer mit ihrem Feminismus!“ hinterherzusetzen. Wir sind verdammt wütend über ein so ekelhaftes Dominanz- und Mackerverhalten, über so wenig Awareness im Bezug auf den eigenen Beitrag zur Demostruktur und zum Demoausdruck und einen dermaßen widerlichen und verachtenswerten Antifeminismus von jenen besagten ersten Reihen.

Dass Leute sich keine Gedanken darüber machen, wer Reihe läuft, ob eine annehmbare Zahl dieser Personen keine cis*-Männer* sind und dass kein Gedanke daran verschwendet wird, dass es ein ekelhaftes Mackerverhalten ist, Frauen* so aus Reihen zu schmeißen, erschüttert uns.
Es ist unserer Ansicht nach kein Problem, das Bedürfnis zu haben mit Menschen Reihe zu laufen, die man kennt, mit denen man sich wohlfühlt. Das zu kommunizieren ist aber scheinbar schon ein Problem für einige Macker, da dabei Gefühle und Bedürfnisse auf eine nicht-aggressive Art und Weise geäußert werden müssen.
Wie bereits erklärt gibt es aus unserer Sicht kein Problem damit, wenn zu einem nahen Zeitpunkt Aktionen geplant sind, die in ganz besonderem Maße Sicherheit erfordern. Das war allerdings auf der „Free Paul“-Demo zu dem Zeitpunkt nicht gegeben, da der Aktionskonsens war, bunt loszulaufen. Doch auch wenn unsere Genoss_innen schwarz gekleidet waren, hat das scheinbar nicht gereicht, um eine Daseinsberechtigung in besagten Reihen zu erlangen. Das wurde durch eine ekelhafte Kombination von Sexismus und Lookismus geäußert – vielleicht können Frauen* nur Reihe laufen, wenn sie MobAction-Bauchtasche und Jogginghose (nach Möglichkeit von Adidas oder Nike) tragen! Oder wenn sie in Leggins von Typen als so attraktiv gesehen werden, dass sie schonmal mitlaufen dürfen. Ein Anpassen an männlich* dominierte und von Mackerverhalten durchzogene Strukturen ist aber in jedem Fall Voraussetzung für die Respektierung oder eben auch nur Duldung.

 

Was wir danach noch mehr satt haben, als davor

Die Frage ist nun für uns: Was ziehen wir aus dieser Erfahrung? Und was sind grundsätzliche Anforderungen, die Demos im Bezug auf Gendersensibilität zu erfüllen haben, um einen in dieser Hinsicht emanzipatorischen Ausdruck zu haben?
Wir haben Demos, bei denen der Black Block und vor allem die ersten Reihen dessen aus fast ausschließlich weißen cis*-Typen bestehen satt! Wir haben es satt, den Blicken von Mackern genügen zu müssen, sich passiv gewalttätig, dominant und aggressiv äußern zu müssen, um als dem Black Block-würdig wahrgenommen zu werden. Um einem sexistischen Normalzustand auf Demos entgegenzuwirken, ist es mehr als notwendig, dafür zu sorgen, dass genügend nicht-cis*-Männer* in den ersten Reihen laufen und das ist mehr, als eine_r pro Reihe! Dass bei diesen Diskussionen immer wieder das Scheinargument fällt „Aber ihr könnt doch Leute nicht dazu zwingen, Reihe zu laufen.“ ignoriert vollkommen, dass es genug Menschen gäbe, die sich dafür bereit erklären würden eben dies zu machen, und leugnet den strukturellen Ausschluss im Bezug auf (militante) Aktionen von nicht-cis*-Männern*, die bei der Organisation und Durchführung von Demos meistens stattfindet. Das Problem sind nämlich nicht die Personen, die angeblich keinen Bock haben, sondern Strukturen und Normen, die für indirekte und direkte Ausschlüsse sorgen.
Das Problem ist zusätzlich, dass manche Leute immer noch nicht verstehen wollen, dass Demos nicht der Manifestation und des Beweisens der eigenen Männlichkeit* dienen. Demos haben bestimmte Anliegen, die Demos, an denen wir uns beteiligen wollen, sollten den Anspruch haben, emanzipatorische Inhalte zu vermitteln und außerdem sensibel im Bezug auf gesellschaftliche Machtstrukturen zu sein, die weiße, cis-positionierte, heterosexuelle und able-bodied Männer* privilegieren.

 

Start to communicate!

Außerdem ist uns wichtig, an dieser Stelle Kommunikationsformen zu thematisieren. Wir wünschen uns einen non-aggressiven und auf Konsensfindung ausgerichteten Umgang und eine solche Kommunikation unter Genoss_innen. Dazu gehört für uns auch, dass es kein Problem darstellt, Wohlfühlen oder Unwohl-Fühlen zu äußern, um für alle eine möglichst angenehme Atmosphäre bei Aktionen zu schaffen. Dazu gehört auch, sich nicht als Antifa-Macker aufzuspielen und Leute anzubrüllen, weil sie den wohl von den Personen gewünschten männlichen* Ausdruck der Demo stören könnten. Dazu gehört, dass tatsächliche Probleme kommuniziert und analysiert werden, was auch bedeutet, sich eventuell selbstkritisch reflektieren zu müssen. Denn für das Verhalten auf der besagten Demo von bestimmten Reihen gibt es keine andere Begründung, als das genannte Zusammenspiel von Sexismus und Lookismus.
Sicherheit auf Demos ist für uns ein wichtiges Thema, doch diesbezügliche Sorgen müssen auch dementsprechend geäußert werden ohne sexistische und lookistische Anmache, sowie dummes Dominanzgemackere. Es kann zudem nicht sein, dass sexistische Ausschlüsse stattfinden, die als vermeintliche Sicherheitsaspekte und Sorgen verkauft werden wollen, was wiederum nur durch angemessene Kommunikation verhindert werden kann und ohne „Die immer mit ihrem Feminismus!“ – sofern denn der Wille überhaupt besteht, Sexismus so wenig wie möglich zu reproduzieren.

 

Gendersensible Aktionskonsense und die Notwendigkeit der (Selbst-)Reflexion

Wir plädieren allgemein und auch von der Situation unserer Genoss_innen unabhängig für mehr Awareness bei Bezugsgruppen und Aktionen, wie auch auf Demos. Wir wollen einen verantwortungsvollen Umgang untereinander, denn es kann nicht sein, dass in einem Schwarzen Block, dessen Konzept in erster Linie eine Schutzfunktion darstellen soll, nur die Leute mitlaufen können, die die anerkannten (männlichen*!) Verhaltensmuster performen können und im Übrigen kein Problem mit Gewalt haben. Ein Black Block muss sich an die Bedürfnisse und den Aktionskonsens der Leute anpassen, nicht die Leute an die Forderungen des Black Blocks.
Bei der Demovorbereitung muss über einen Aktionskonsens gesprochen werden, sichere Räume auf Demos muss es auch für Personen geben, die sich selbst gut genug einschätzen, um zu wissen, dass sie eventuell mal rausmüssen. Wenn Black Block inzwischen heißt, immer stabil stehenbleiben zu müssen, selbst wenn man sich in bestimmten Situationen krass unwohl fühlt, ist das Konzept eines, das drastisch verändert werden muss, um einem linksradikalen Anspruch wieder gerecht zu werden.
Wenn Black Block weiterhin so cis*-männlich* dominiert wird und nicht bewusst dafür gesorgt wird, das starre patriarchale Konzept innerhalb des Konzepts Black Block zu durchbrechen, hat er jeden emanzipatorischen Anspruch verloren und damit auch jede Brauchbarkeit und Legitimation.

Insofern bleibt die dringliche Aufforderung, eigenes und kollektives Demoverhalten zu reflektieren, auf den Ausdruck von Demos und vor allem des Black Block zu achten, unterdrückende Strukturen innerhalb einer Demoorganisation zu analysieren und zu durchbrechen und verdammt nochmal respektvoll und solidarisch miteinander umzugehen!

 

Abschließend? Mackertum hat nix mit Antifa zutun!

Wir möchten abschließend noch darauf hinweisen, dass sich einige Personen aus Orga-Kreisen der Demo, die das mitbekommen haben, den betroffenen Personen gegenüber sehr solidarisch verhalten haben und ihre Plätze bei Bedarf abgetreten hätten. Letztendlich wurde auf der Demo stattdessen aber noch eine zusätzliche Reihe gezogen, die für die cis*-Typen hinter und vor unseren Genoss_innen scheinbar schlimmer war, als der eigentliche Demogrund, da unsere Genoss_innen daraufhin die ganze Demo lang (sexistisch) angepöbelt wurden.
Uns ist außerdem wichtig zu sagen, dass diese Situation in unseren Augen kein vordergründiges Versagen von Teilen der Reihenorga war, sondern im Endeffekt ein krass ekelhaftes Fehlverhalten von bestimmten Reihen und deren Leuten. Es ist selbstverständlich nicht tragbar, dass so wenige nicht-cis*-Männer* in den vorderen Reihen mitgelaufen sind, das ist allerdings unserer Meinung nach mitunter auch die Aufgabe der Leute, die beschließen, gemeinsam eine Reihe zu stellen.

Wir bleiben ungemütlich und werden so ein Verhalten gegenüber unseren Genoss_innen nicht einfach so hinnehmen. Wir fordern dazu auf, sich in einer solchen Situation deutlich gegen sexistisches Verhalten zu positionieren und notwendige konsequente Schritte zu gehen.
Denn:
Mackertum hat nix mit Antifa zutun!

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>